Ausstellung der lebenden Manager (Magazin TAXI Nr. 37 Mai 2006 Schweiz)
"Jeder Beruf hat sein Mysterium. Wahrscheinlich besitzen Manager entweder magisches Wissen oder persönliche Geheimwaffen. Andernfalls wäre es schwierig, ihre triumphale Ausbreitung in unserer Zeit zu erklären. Der Einfluss ihrer Tätigkeit ist so gross, dass sie ein soziales und kulturelles Phänomen darstellen." So kündigten Alexander Kaffka und Elena
Schmatko, die Konzept-Künstler im Bereich "Contemporary-Art" (C-Art), die "Ausstellung der lebenden Manager" (MANAGEX) in Moskau an. Die Ausstellung fand vom 25.-26. März 2006 im Nationalen Zentrum für Zeitgenössische Kunst (National Centre for Contemporary Arts, NCCA) statt.
| Die Korrespondentin des Internet-Magazins „Advertology“ Julia Kwasok hat in ihrem Bericht geschrieben: „Schöne bequeme Sessel mit Lampen warten auf Manager, wie auch Coca-Cola und Kartoffelchips. Lebendige Exponate dürfen sich ganz nach ihrem persönlichen Geschmack bekleiden und alles machen, was ihnen einfällt – Ruhe geniessen, arbeiten, sich am PC beschäftigen, Business News schauen, miteinander quatschen und natürlich die Zuschauer betrachten. Hier sind sie, die Manager – in dem schwarzweissen mönchartigen Gewand. |  |
Sie ändern sich vor aller Augen, erinnern an die Kindheit und verabreden, sich morgen in hellere Farben zu kleiden. Die Männer denken laut, kokettieren mit dem Publikum und spielen mit den Visitenkarten auf die japanische Art. Die Business-Frauen fühlen sich von den Fesseln ihres Berufs voll befreit und strahlen selbstbewusst Lebensfreude aus. Die Managerarbeit und damit verbundene Vorurteile sind heute „deaktiviert“. Allerdings besitzen die Exponate ein Taktgefühl und Geduld, solange sie mit Zuschauern sehr freundlich sprechen und sich fotografieren lassen.“
 | Vor der Ausstellung waren die Kritiker nicht sehr optimistisch. Die Manager könnten sich als langweilige Personen präsentieren, mit „stolzen Fressen“ dasitzen und sich keinen Kontakt mit dem Zuschauer wünschen. Alexander Kaffka verteidigte aber unbeeindruckt sein Konzept: „Von Exponaten wird nicht erwartet, mit der Öffentlichkeit zu sprechen und wie im Zirkus das Publikum zu amüsieren. Es ist aber nicht verboten, mit ihnen zu sprechen. Wenn sie wirklich langweilig sind, würde man gar nichts dagegen tun. So sind sie, die Manager. So sieht die blosse Wahrheit aus. Die Malerei kann dich auch langweilen, richtig?“ |
Zuschauer sagen „Diese Ausstellung erinnert an ein Training, deren Ziele banal klingen, und zwar Psychologie der Persönlichkeit, Emotionale Marketingkommunikation, Branding und Theorie und Praxis öffentlicher Dienstleistungen. Ich finde es aber toll, dass die Personen aus geschäftlichem Umfeld keine kommerzielle Rolle gespielt haben und auf solche Art ins Dasein getreten sind - die Profis sollen vorbeikommen.“ So ein namenloser Herr mit Brille. Marina W. – „Ich habe bei MANAGEX nur positive Erfahrung gemacht und ein paar gute Informationen gekriegt, die ich später für wissenschaftliche Zwecke benutzen werde.“ |  |
Erik J. – „Die Exponate wirken wie ein bewährtes Team. Im Konzept steht aber, dass sie einander erst heute, 30 Minuten vor der offiziellen Eröffnung, kennengelernt haben.“ Student I. – „Komisch - Ich habe ein Kunstobjekt vom Hand wie im Zoo gefüttert. Es tut mir echt leid, dass ich ihm keine Flasche Bier anbieten konnte.“
 | Das Projekt wäre für den grossen Zuschauerkreis geeignet Die Zuschauer sind Leute, die gestern eine Ausstellung von Handyfotos gesehen haben und morgen zu einer Kuh-Parade gehen. Sie sind Kunstliebhaber. Jeder hat aber sein eigenes Verständnis von Schönheit. Der eine verziert seine Wohnung mit einer Blumen-Tapete, der andere reisst Tapeten und Gips ab, weil ihm die blanken Ziegelsteine besser gefallen. Wenn wir über C-Art reden, kann Schönheit missbräuchlich klingen. Wir hantieren mit einem Wort, das zugleich sein eigenes Gegenteil bedeuten kann oder zu einem ganz anderen Vokabular gehört. |
Dem Kenner der „traditionellen“ Kunst kann ich empfehlen, einen Antiquar zu besuchen oder schöne Bilder in Zeitschriften anzuschauen... oder noch einfacher die Schönheit der Natur zu sehen. C-Art hat seine eigenen Kriterien, vor allem ist Aktualität wichtig.
Die Organisatoren haben ein C-Art-Projekt mit Managern als Protagonisten gemacht. Führen die Manager sich so auf, als besässen sie Geheimwissen, als könnten sie mit ihren Wünschen, Ansichten und Überzeugungen die ganze Welt führen? Wahrscheinlich liegen die Vorteile in der mysteriösen Universalität des Managers, der Maschinen vollständig erfolgreich heute produzieren kann, Gasrohre morgen konstruieren und übermorgen eine Kinoproduktion leiten.
Die Ausstellung wurde in einem russischen Manager-Forum im Internet angekündigt. Der Wunsch teilzunehmen war das wichtigste Kriterium. Eine Manager-Einstellung war unbedingt notwendig. "Der erste Kandidat war ein Topmanager eines grossen internationalen Unternehmens. Ich habe sogar nach dem Alter gefragt, um ein echtes Team bilden zu können", erzählt Alexander Kaffka.
Die Ausgestellten Anna - Sie hat ein Theater Festival in Vologda organisiert und könnte eine wirklich gute, sogar eine brisante Idee sofort unterstützen. Sie weiss nicht genau, was in einem solchen Projekt zu tun ist, kann aber versichern, dass kein Originalkunstwerk von Rembrandt eine solche attraktive und tapfere Frau wie sie im Saal ersetzen könnte. Sie hat einen Laptop mitgebracht und war bestimmt in der Lage ihr eigenes Art-Objekt zu basteln.
| Bogdan - Im Anzug sieht er gut aus, bereut aber seine heutige Art von Bekleidung. Er lässt sich nicht als Manager bezeichnen, weil dieses Wort ganz klar ausländisch klingt - sondern er ist ein Leiter ("Natchalnik"). Er stammt aus der Provinz und versucht sich zu modernen Standards der Hauptstadt immer negativ zu äussern: "Man soll nicht alles mit Moskau vergleichen: Chefärzte und Direktoren von Gymnasien sind keine richtigen Manager. Der echte "Manager" gehört nicht dem Beruf: er sei immer fähig etwas Neues zu organisieren oder als Berater zu dienen." |  |
Galina - die Journalistin aus Moskau geniesst Licht und Wärme ihrer Lampe, daneben spricht sie positiv von moderner Kunst: "Die Zeiten ändern sich, die Zeiten ändern uns, die künstlerischen Methoden, die Stile. Der Mensch aber, bleibt unverändert und spiegelt sich in mehreren Umgebungen weiter ab."
Marina - die Personalmanagerin hat sich als "weibliches" Art-Objekt anerkannt. Sie ist immer freundlich und lässt sich manchmal mit einem Hollywood-Lächeln fotografieren.
Elena 1 - die Entwicklungsmanagerin ist vor allem ein Mensch, und dann eine Mutter, Frau und endlich Profi. Sie freut sich über jede freie Minute.
Aleksej - der Verkaufsmanager ist immer bereit an einem interessanten Projekt teilzunehmen. Er sitzt in seinem Sessel, ohne sich zu rühren, und spricht sein Bedauern über den Mangel an neuen Businesskontakten aus - er habe noch genug Visitenkarten in seiner Tasche.
Natalia - ist energisch und findet es sehr interessant die Zuschauer selbst und ihr Verhalten zu betrachten. Ihre Arbeit als Beraterin bedeutet viel Stress. Die Fotografen sind nicht fähig, ein so strategisch bezauberndes und funkelndes Lächeln einzufangen.
Elena 2 - das "doppelte" Art-Objekt - macht immer wieder Werbung für die Sessel ihrer Firma. Elena ist vor allem am Erfolg ihres Möbelgeschäfts interessiert. Sie ist repräsentativ gekleidet, als ob sie eine Verkaufsaktion zu einem Erfolg führen würde. Eine freundliche Atmosphäre in der Ausstellung, sowie der Lärm der Gespräche haben sie zu einer romantischen Stimmung erweckt: in den Pausen spielt sie auf dem Klavier, das in der Vorhalle steht.
 | Aus künstlerischer Sicht haben die Konzeptkünstler sich in bezug auf ihre Exponate klar positioniert. Und zwar haben sie sich nicht in der Rolle eines Mitspielers oder Impresarios gesehen. Ihre Idee war es, der Öffentlichkeit zu zeigen, dass die Manager ein neues Gesicht in der russischen Gesellschaft darstellen. Sie sind der "Neue Geist" der städtischen kapitalistischen Kultur. An jedem Arbeitstag kann man sie auf dem Weg zur Arbeit in der Moskauer UBahn oder in einem Imbiss beim Mittagessen sehen. |
Interessant ist alles - ihre Pose beim Zeitungslesen, ihre Kleidung, ihre verbale und nonverbale Kommunikation, etc. Niemand von ihnen ist während der Ausstellungsdauer gezwungen sein Verständnis formalisierter Geschäftsabläufe und Manager-Standards, Verhandlungsstrategien und Führungsstil zu zeigen. Sie dürfen sich von Klischees und Stereotypen befreien und über ihre privaten Angelegenheiten nachdenken und kommunizieren. Eine solche Atmosphäre stand ihnen bei der Ausstellung auch zur Verfügung.
Die Ausstellung ist vorbei, was passiert danach? Alexander Kaffka hat diese Frage beantwortet: "In Grundsatz ist MANAGEX als "globale Initiative" geplant. In den Niederlanden gibt es bereits Interesse. Für mich persönlich wäre darüber hinaus Japan sehr attraktiv, wo Manager in den Rang von Kultfiguren aufsteigen. Deutschland und die USA? - Sind auch interessant! Das Ausmass des Interesses in den einzelnen Länder versuche ich über die Presse und das Internet zu prüfen. Der Vorteil unserer Idee liegt darin, dass die Teilnahme jedes neuen Landes für den Erfolg des Konzepts als Ganzes besser ist. |  |
Der Organisator bindet niemanden an sich, sondern folgt Managern und ihrem Image selbst. Die Ausstellung soll dort organisiert werden, wo die Menschen es selbst gewollt haben, wo Manager ihre freiwillige Teilnahme angekündigt haben. Ich weiss noch nicht, ob die "Ausstellung der lebenden Manager" zu einer C-Art-Branche anwachsen, aber ich fantasiere gerne ein bisschen. Ein reicher Kunstsammler könnte vor anderen statt mit einem Gemälde z.B. mit einem weltbekannten Topmanager prahlen, mit dem er in seinem Wohnzimmer Karten gespielt hat. Falls das einmal passiert, würde ich mir vielleicht eine neue Idee suchen."
Fotos aus dem Bildarchiv Alexander Kaffka 2006
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